Samstag, 6. Februar 2016

In meiner Loseblattsammlung, Bergen Enkheim, Frankfurt

Ich habe es nie als Nachteil empfunden, Teile meiner Jugend als sogenannter Trainspotter verbracht zu haben. Meine Begeisterung für die Eisenbahn hatte, wie ich Jahre später bei der erkenntnisreichen Lektüre von Ernst Blochs Prinzip Hoffnung erfuhr, ihre Motivation in einer großen Sehnsucht nach der Ferne, wie sie durch Züge und ihre exotischen Zugläufte repräsentiert wird. So gehörte z.B. der in dieser Hinsicht besonders attraktive Hellas-Express vom Piräus-Hafen in Athen nach Köln zu meinen Lieblingszügen, ich scheute die halbstündige Fahrt nach Mainz nicht, um den D-Zug, angezogen von einer nachtblauen Lokomotive der Baureihe 110 (die mit den traurigen runden Hundeaugen) in die Station einfahren zu sehen und während seines kurzen Aufenthalts zu inspizieren. Als erstes fiel mir der Geruch auf, den der Zug verströmte, ein staubiger, fremdartiger Geruch wie von Haarpomade und rohem Gemüse, in den sich auch noch eine Spur Weihrauch mischte. Die Wagen waren verdreckt von der über mehrere Tage und Nächte währenden Reise, und während des kurzen Aufenthalts war ein starkes Klopfen und Zischen zu hören, das wahrscheinlich auf die Bremsschläuche zurückzuführen war. Das ist aber nur eines von vielen Beispielen, wie die Eisenbahn mein Leben prägte. Zuhause angekommen, spielte ich den Hellas-Express auf der Modellbahn nach, nicht immer einfach, weil in seinen Abteilen keines der praktischen Faltblätter Ihr Zug-Begleiter auslag, in dem Stationen, An- und Abfahrtszeiten sowie die wichtigsten Anschlüsse unterwegs verzeichnet waren. Für seine Details musste ich das allgemeine Kursbuch konsultieren, jenes außerordentlich umfangreiche Kompendium sämtlicher Eisenbahnverbindungen in Deutschland und ganz Europa, das damals noch ausschliesslich im durch die Lackierung der Trans-Europa-Express Züge vertrauten Farbton Weinrot erhältlich war. Die Eisenbahn beeinflusste aber auch meine ästhetische Vorstellung von einer geglückten Zukunft. Massgeblich stilprägend für meine Imagination eines gelungenen Erwachsenen-Daseins war dabei ein Werbefolder zu dem gerade eingeführten Netz aus Intercity-Verbindungen. Darin sah man einen Geschäftsreisenden mit Schnurrbart und Lesebrille tiefenentspannt in einem jener Großraumwagen-Schalensessel ruhen, die zu den bequemsten Reisefauteuils zählten, die man sich damals vorstellen konnte. Sie waren mit gestreiften Samtbezügen und Weiß auf Weiß karierten Kopfkissen ausgestattet, und konnten, das war die Sensation, je nach Fahrtrichtung 180 Grad gedreht werden, was wegen der immer noch zahlreichen Sackbahnhöfe und Richtungsänderungen der Züge auch Sinn machte. Der Geschäftsreisende mit dem milden Lächeln in seinen Gesichtszügen las in der F.A.Z., und auf dem nächsten Bild, das seinen cognacfarbenen Aktenkoffer geöffnet in einem Abteilwagen zeigte, was der erfahrene Reisende an dem dunkelblauen Samtbezug der Kissenpolster zu erkennen vermag, war zu erkunden, was sonst noch zu seiner Grundausstattung zählte: Granny Smith Apfel, Taschenrechner (wahrscheinlich von Texas Instruments), Bleistift, Papiere, Kugelschreiber und ein wie der Koffer selbst aus Leder gefertigter Flachmann für einen stärkenden Schluck vor oder nach seinen Terminen (ich war mir damals nicht so sicher). Jedenfalls brannte sich das Bild dieser so gestalteten Existenz tief in mein Wunschdenken ein, und als ich den Folder neulich wiederfand, hat mich nicht nur der Anblick des eleganten Weinrot-Beigen Intercitys, der auf dem ersten Bild durch ein frühlingsgrünes Deutschland rollt, mit tiefer Freude erfüllt, sondern das gesamte moodboard der versponnenen Ideen meiner Adoleszenz erstand vor mir, wie es bei Daft Punk heißt: "like the legend of the Phoenix".

Mittwoch, 20. Januar 2016

Aus meinem Stammbaum, Bergen-Enkheim, Deutschland

Wir werden, was wir sind. Oder, anders gefasst, wir sind, wo wir herkommen. Abstammung, das weit verzweigte Gefüge eines Stammbaums als naturalistisches Abbild unserer Herkunft, ist im Grunde die unmissverständlichste Form der Herleitung, mit einem ausnahmsweise mal ganz unkomplizierten Dreisatz: Aus zwei Eltern wird ein Drittes, das Kind, und wenn das Kind dann später aufwächst und in das rebellische Alter kommt und sich umdreht und im Zorn zurück schaut, warum es denn bitte so ist wie es ist, oder warum das so sein muss, dann steht da einfach nur ein Diagramm, in dem zwei bis dahin getrennte Pfade sich vereinen und zwangsläufig in einen selbst münden, und das geht einfach so weiter und wird immer weiter nach oben hin. Mit jeder der einem vorangegangenen Generationen bekommt der Baum mehr Verästelungen, man ist dann vielleicht gerade noch Achtel Norweger oder hat etwas Preussen im Blut oder fühlt sich mit Recht ein wenig mehr norddeutsch als irgend etwas sonst. Immer vereint ein Neues zwei bis dahin getrennte Linien und bereitet die nächste Abzweigung vor. Aber wie heißt es so schön bei Blumfeld? Ich weiß gar nicht wie das gehen soll, sich vereinigen. Deswegen ist es auch keine Überraschung, dass sich so mancher der ewigen Wiederkunft des Gleichen (Nietzsche) verweigert und den nie persönlich unterzeichneten oder in Abwesenheit von einem anderem für uns geschlossenen Generationenvertrag einfach aufkündigt. Wie singt es Morrissey noch irgendwo? I am the end of the family line. Oder nehmen wir eine der berühmtesten Stellen der Literatur, in der Hanno Buddenbrook in der Familienchronik einen Strich unter seinen Namen setzt und auf Nachfrage seines entsetzten Vaters erklärt, "ich glaubte... es käme nichts mehr". Meine Großmutter hat mir schon früh von dem alten Bergener Geschlecht der Schelme erzählt und wie eine ihrer Vorfahren, eine Dorothea zu Schelm von Bergen, in direkter Linie von dem ersten Schelm abstammt, über den auch Heinrich Heine einst ein ganz hübsches Gedicht geschrieben hat, die Handlung aber dann sinnigerweise nach Düsseldorf verlegt hat, wo die uns am nächsten stehende Verwandte, Tante Anneliese, schon wohnt so lange ich denken kann. Warum Heine seine Ballade trotz des geographischen Winkelzugs "Schelm von Bergen" genannt hat, kann ich mir nicht erklären. Die Geschichte ist weitgehend bekannt: Der Scharfrichter mit zugehörigem Galgen vor Ort in der bis heute erhaltenen Berger Warte, ein immer noch gruseliger Ort, an dem wir unter anderem meine Kindergeburtstage zu feiern pflegten, begibt sich zum Maskenball an den Hof des Kaiser in Frankfurt. Heine beschreibt ihn als schlanken Fant, ein wunderbares Wort, und weil er so gut tanzt, so höfisch und behendig, tanzt die Frau des Kaisers, bei Heine ist es dann die des Herzogs im Schloss zu Düsseldorf, die ganze Nacht allein mit ihm. Wir haben es also mit einer literarischen Figur zwischen Thomas Manns Hochstapler Felix Krull und dem durch Stanley Kubricks Eyes wide shut wieder in Erinnerung gerufenen ungebetenen mittnächtlichen Festgast aus Arthur Schnitzlers Traumnovelle zu tun. Mit dem kleinen Unterschied, dass der Schelm im Gedicht nicht um sich selbst und seine Demaskierung fürchtet, sondern um die Entehrung seine Tanzpartnerin, weil er als Galgenmann am Hofe eben fehl am Platz ist. Aber all sein Flehen darum, ungesehen das Fest zu verlassen, bleibt unerhört. Als um Mitternacht die Masken fallen, lässt sie ihn nicht gehen, weil sie, und da gibt Heine dem Geschehen eine mehr als unterschwellige erotische Note, sein Antlitz zu schauen "begehrt". Die schöne Herzogin will unbedingt dem Mann ins Gesicht sehen, der sie laut und beständig zum Lachen gebracht und so herrlich durch alle Tänze des Abends geführt hat, sie will die Maske von schwarzem Samt fallen sehen, hinter der gar freudig blicket/Ein Auge, wie ein blanker Dolch/Halb aus der Scheide gezücket. Als sie, weil er zu sehr Gentleman ist um ihr entschlossen entgegenzutreten, schließlich wild entschlossen zuletzt ihm mit Gewalt die Maske vom Kopf, wird der Mann, auf diese Weise unfreiwillig decouvriert, sofort als Scharfrichter von Bergen erkannt, und es bleibt dem Kaiser/Herzog nur die Wahl, entweder seine Frau als entehrt anzusehen oder den Mann zu adeln, um ihr Gesicht zu wahren. Er schlägt ihn, natürlich auf höfische Etikette bedacht und um den Skandal zu vermeiden, zum Ritter. So ward der Henker ein Edelmann /Und Ahnherr der Schelme von BergenEin stolzes Geschlecht! Es blühte am Rhein/Jetzt schläft es in steinernen Särgen. So endet Heine seine Ballade, und in der Tat, der letzte Vertreter der Ahnenlinie, der zu Heines Zeit noch am Leben war, der oben abgebildete Christian Ernst Schelm von Bergen, starb zwei Jahre vor der Datierung des Gedichts als pensionierter Hauptmann aus den napoleonischen Kriegen. Wie er nun mit Dorothea zu Schelm von Bergen genau verwandt war, hat mir Großmutter Emilie nie erklärt, nur dass die zwei blutroten Rippen, die das ansonsten makellos weiße Wappen von Bergen, meiner Heimatstadt, zieren, ihr stets aus verwandtschaftlicher Nähe sehr zu Herzen gegangen sind.


Sonntag, 17. Januar 2016

Auf meinem Desktop, Macbook Pro, Apple

Manche Bilder erregen unsere Aufmerksamkeit, obwohl wir nicht sofort sagen können, warum. Als ich mehr oder wenig zufällig während einer Google-Bildsuche auf jenes lange verschollen geglaubte Gemälde von Max Liebermann stieß, war ich unmittelbar begeistert. Es entzieht sich komplett meiner Erinnerung, welche Stichworte ich eingegeben hatte, aber auf einmal war es da. Vom Titel "Jäger in den Dünen" her könnte man annehmen, ich hätte meine Suchanfrage wenigstens einem der beiden Schlagwörter gewidmet, aber ich kann mir beim besten Willen nicht herleiten, auf welcher Recherche das geschehen hätte sollen. Obwohl ich mich, nicht erst seit der Lektüre des Meisterwerks Über die Jagd von José Ortega y Gasset, für die Jagd interessiere, die, so Ortega, uns zurück entführt in eine ursprüngliche Welt, in der es mehr auf den Instinkt als auf Vernunft und das Denken ankommt. In dieser Welt feiert der Jäger, darin dem Objekt seiner Jagd, dem Tier, sich annähernd, eine Art, wie Ortega es nennt, "Ferien vom Menschsein", was ihm einen tieferen Sinn des Daseins erschließt und so ein Glück erfahren läßt, das im Ennui der Zivilisation verloren gegangen ist. Weil er, auch darin dem Tier gleich, nach dem er jagt, die Witterung aufnimmt und dafür sein gesamtes Sensorium in Anspruch nehmen muss, das viel zu oft im Alltag brach liegt, obwohl es uns seit über 15.000 Jahren, in die DNA eingeschrieben ist und unsere Verbindung zu den Anfängen der Menschheit bildet. Und auch die Dünen sind seit den Kinderferien am Meer eine meiner Lieblingslandschaften, die ich nicht müde werde, bewundernd zu betrachten, von der Farbpalette bis zur Struktur aus Sand und Gras, den Aromen und ihrer Natur als Landschaft, die unaufhörlich, von Wind und Wetter gezeichnet, ihre Form verändert und so wie kein anderes geographisches Phänomen zur sinngemäßen Entsprechung der nomadischen Existenz taugt, die mich ebenfalls seit Jahren, als Kontrapunkt zur Sesshaftigkeit unserer Lebensentwürfe, immer wieder beschäftigt. Nichtsdestotrotz habe ich nach keinem der beiden Themen gesucht, es bleibt also ein Rätsel, weshalb das Bild angespielt wurde wie ein Song aus der Jukebox des Zufallsgenerators, der überraschenderweise exakt unseren Musikgeschmack trifft, wie es in neuester Zeit manchmal auf Youtube vorkommt, wenn man ein Stück sucht und nebenan in der Leiste auf einmal ein Video auftaucht, das auf den ersten Blick nichts mit der logischen Reihung der Titel zu tun zu haben scheint. Wenn man dann auf diese Weise einen bis dato unbekannten Künstler entdeckt, kann das zu überraschenden Offenbarungen führen wie gestern, als ich in der Mixcloud eine neue Zusammenstellung des Chillout-Gotts Mixmaster Morris hörte, den ich vor Jahrzehnten einmal im Hamburger Klub Purgatory kennenlernen durfte. Mitten im zweiten Teil seines Sets auf der Provo Afterparty Sapporo spielte er plötzlich "Fordlandia (Aerial View)", ein Werk des großen isländischen Komponisten Jóhann Jóhannsson, dessen Musik von einer nahezu ausserweltlichen Traurigkeit und Schönheit ist und der leider 2014 für seinen Soundtrack zu "The Theory of Everything" keinen Oscar gewonnen hat, obwohl er nominiert war. Genau so kam ich auf einmal, per Zufall, zu "Jäger in den Dünen", ein Bild, das Max Liebermann, wie ich herausfand, einem holländischen Tabakmagnaten zu verdanken hat, dem er 1913 in Noordwijk einen Besuch abstattete, wo dieser eine Jagdhundeschule betrieb. Obwohl Farbton, Atmosphäre und Sujet der zwei im gleichen Jahr, eventuell sogar vor Ort entstandenen Jagdstücke in den Dünen dem Bild oben ähneln, sticht das ein Jahr später vollendete aus der Serie heraus. Was alle Arbeiten dieser Zeit eint, ist, wie Erich Hancke 1914 erkennt, eine "Kühnheit und Einfachheit", die den Auftrag des Impressionismus bis hin zur absoluten Mimikry der Materialität erfüllt. Das, wie oft bemerkt wurde, nahezu gespachtelte Auftragen der Farbe auf eine rauhe Leinwand, die selbst wie ein Sandgrund hier und da durchleuchtet, der heftige Duktus seines Pinsels, der den Naturgewalten von Wind und Wogen nachempfunden scheint wie das im Sturm hin- und herwehende Dünengras. Diese Maltechnik fasste der Monograph Hancke begeistert wiefolgt: "Er mischte seinen Ton schnell und fast ohne hinzusehen, setzte ihn mit einem energischen Hieb auf die Leinwand und rannte sechs Schritt zurück, um die Wirkung zu beurteilen. Da er den Pinsel sehr voll Farbe nahm und auf der Palette nicht fest durcheinandermischte, konnte er eigentlich niemals genau wissen, was er darin habe, und seine Malerei war immer ein Benutzen von Zufälligkeiten." Der Maler vertraute also auf ein ähnliches Prinzip wie das, was mich letzten Endes zu seinem Bild geführt hatte. Was das Bild selbst anbetrifft. so scheint es die oben umrissenenen Thesen von Ortega y Gasset zu bestätigen. Der Jäger geht nicht nur, was die Farbpalette seiner Kleidung anbetrifft, problemlos in der Landschaft auf, deren Gewicht durch den verschwindend schmalen Seehimmel im Hintergrund noch betont wird. Auch Gesicht und Hand nehmen Akzente der Sandfarben auf, das braune Haar findet sich in der schraffiert angedeuteten Fauna des Dünentals wieder, und selbst die Flinte schimmert als Spiegelbild des silbrigen Himmels, behutsam integriert durch die Richtung, in der sie angewinkelt ist, parallel zum Horizont und den Farbstrichen der Landschaft gesetzt. Die Ode an die Schattierungen der Farbe Grün ist vielleicht auch deswegen so perfekt gelungen, weil sie aus der Erinnerung, ein Jahr später, gemalt wurde und so mehr von einem Ideal hat, einer Art philosophischen Komposition, die selbst den dunklen Hut des Jägers nicht ohne Entsprechung eines Schattens im Vordergrund lässt wie auch den strahlend weißen Hemdkragen, der sich in nahezu identischer Dimension auf gleicher Höhe als aufblitzendes Stück Sand wiederfindet. Als er 1913 zusammen mit dem Kunsthändler Paul Cassirer und einem Journalisten die Hundeschule besuchte, war er, wie es heißt, "begeistert von der Leichtigkeit, mit der ein schottischer Trainer eine Meute von 32 Hunden durch die Dünen führte", ein Umstand, der sich in der Eleganz der Darstellung niederschlägt, dem leicht angewinkelten Bein des Jagdmanns, dem lockeren Fall seines Jacketts und der vollendeten Komposition im Allgemeinen. Das Gemälde, das Liebermann 1914 bei Paul Cassirer ausstellte und dessen Spur sich kurze Zeit später bereits verliert, galt bald offiziell als verschollen, tauchte knapp 70 Jahre später in einer britischen Privatsammlung wieder auf und wurde 2004 von der Galerie Paffrath in Düsseldorf für 69000 Euro angeboten. Nur eines bekommt man im Internet nicht heraus: wer es gekauft hat, wohin seine Reise weiterging und wo man es heute betrachten könnte, wenn es denn ein Museum war, das den sicher als Spottpreis zu betrachtenden Geldbetrag investiert hat. Das macht einen dann doch traurig.

Freitag, 15. Januar 2016

Über dem Good Harbour Bay Trail, Michigan, USA

Wie glücklich Farben machen können, erschließt sich erst, wenn sie vom Sonnenlicht selbst gemalt werden. Das Gelb der Blätter, das ich auf einem Spaziergang vom Little Traverse Lake in die Bucht von Good Harbour in Michigan entdeckte, war an sich schon unglaublich schön, zwar etwas fahl und ohne jede Röte, dafür mehr ins schwärzlich getönte Ende der Palette changierend, jedoch bereits von einer Leuchtkraft, die kein künstlich hergestellter Farbton, wie er seit Neuestem per EU Norm 471 an Autowarnwesten zu finden ist, je erreichen wird. Seine Tiefensättigung erreichte das Gelb aber erst beim Hinaufblicken in den Baum, dessen vom Himmel her illuminierte Blätterpracht sich wie ein leuchtendes Schutzschild über den Weg spannte. Weil die Sonne nur hinter sehr hohen Altostratus Wolken schien, war es möglich, über längere Zeit nach oben zu schauen ohne geblendet zu werden. Das Schauen tat gut, ganz so, als als habe das Sinnesorgan selbst ein eigenständiges ästhetisches Urteil getroffen und gebe nun dem Rest des Körpers zu verstehen, es ihm, dem Auge, gleich zu tun. 

Mittwoch, 13. Januar 2016

An der Küchenwand, Dantestrasse 3, Heidelberg, Deutschland

Der besondere Raum, den die Küche in unserem Leben einnimmt, hat nur auf den ersten Blick etwas mit den Notwendigkeiten zu tun, die mit der Ernährung einhergehen. Man könnte ja theoretisch auch einfach jeden Tag essen gehen, und so das Restaurant zur Ersatzküche machen, wie das Hotelzimmer für manche Schriftsteller, allen voran den weisen Vladimir Nabokov, zur Idealwohnung wurde. Wie befreiend muss es sein, ohne den ganzen persönlichen Ballast zu existieren, der sich über die Jahre in jedem Haushalt aus dem Nichts ansammelt, und so, ohne einen Finger zu rühren, die Konzentration auf das Wesentliche in absoluter Mühelosigkeit zu erreichen, einfach Kraft der Abwesenheit jeglicher Zerstreuung. In Ermangelung von Aufgaben wie Aufräumen oder Wäsche führe jeder Tagesablauf direkt an den Schreibtisch und zur anstehenden Arbeit in der Welt der Kunst und Phantasie, die Arno Schmidt in einem zweisprachigen Zitat einmal als die wahre bezeichnet hat: the rest is a nightmare. Und er hat Recht. Nur in Selbstvergessenheit heisst man die Pflicht, die, wie Max Frisch es einmal in einem anderen Zusammenhang nennt, "Forderungen des Tages", willkommen und vergisst darüber wohlwollend die Tatsache, dass selbst jede noch so kleine Kür einen Anlauf braucht, der nicht daraus besteht, dass man sich mal schnell en passant beim Wäsche aufhängen ein paar Gedanken macht und dann den Schreibbeginn doch wieder bis ins Unerträgliche hinaus zögert. Wie mein Lehrer Dr. Stefan Buck es nicht müde wird, bei jedem unserer Telefonate einzufordern: Nulla dies sine linea. Kein Tag ohne Linie (des zeichnenden Künstlers) bzw. Zeile (des schreibenden Dichters). So legt es Plinius der Ältere bekanntlich dem Maler Appeles in den Mund. Nur das tägliche Praktizieren hilft dem Künstler beim Überleben, regelmäßige Geistesexerzitien allein sind es, die ihn voranbringen. Als man Appeles fragte, warum er so lange an seinen Bildern male und immer wieder Korrekturen vornehme, ist von ihm folgende, fast schon lakonische Antwort, überliefert: ich male für die Ewigkeit. Eingedenk der Tatsache, dass Botticellis' Geburt der Venus angeblich direkt auf die Werke des altgriechischen Malers Bezug nimmt, eine durchaus nachvollziehbare Selbsteinschätzung. Was aber hat all das mit der Küche zu tun? So wie die Küche das Herz jeder Party ist, für die Ewigkeit fixiert in Jona Lewies Synthie-Hit von 1980 You'll always find me in the kitchen at parties, weil sich dort, vom Tanzzwang befreit, das kommunikative Potential einer Feierbekanntschaft voll entfalten kann und hier sämtliche Gäste auf der Suche nach Getränken oder Treibstoffen des Festes vorbeikommen müssen und so automatisch der Gesprächsstoff nie wirklich versiegt, stellt die Küche auch für den Künstler einen utopischen Raum dar, weil sie das Leben selbst repräsentiert, dessen Abbild zu schaffen er sich sehnt wie nichts sonst. In der großen Altbauküche einer Heidelberger Hausgemeinschaft, der angehören zu dürfen ich das Glück hatte, hing eine Küchenheilige über der Heizung neben dem Herd, die mir wie die Schutzpatronin dieses Phänomens erschien: Sie schält wohlfrisiert in einer Schürze, die sie über dem Twinset anbehalten hat, Kartoffeln in einen mit Prilblumen verzierten Topf. Hinter ihr leuchtet die Sonne der Küchenwelt, die keine Tages- oder Nachtzeit kennt, wie der Raum, den sie bescheint. Die Küche der Dantestrasse war das häusliche Äquivalent der Nachttankstelle, weil sich in ihr rund um die Uhr die unglaublichsten Geschichten ereigneten, Geschichten von Liebe und Verrat, Glanz und Elend, Rache und Glück, von denen wir noch heute, Jahrzehnte später, zu zehren im Stande sind, weil sich der Mensch nicht vom Brot allein ernähren kann, aber der nourriture der narration bedarf, um nicht geistig zu verhungern und darüber nahezu verrückt zu werden wie ein Held von Hamsun.

Dienstag, 12. Januar 2016

Hinter der AGIP-Tankstelle, Bergen-Enkheim, Deutschland


Landschaften, die man täglich zur selben Zeit sieht, gewinnen durch die Wiederholung eine nahezu hypnotische Qualität. Irgendwann verschwimmen Tage, Wochen und ganze Monate wie Jahreszeiten in einem Malstrom aus Eindrücken, in dem nur ganz besondere Ereignisse herausstechen und sich im Gedächtnis festsetzen. Die Tankstelle an der Vilbeler Landstraße auf dem Weg zur Berger Warte, die ich bequem zu Fuß erreichen kann, führt den besten Kaffee im Ort, so dass sie zum allmorgendlichen Fixpunkt meines Lebens geworden ist. Hinter dem Gastraum, direkt vor der Waschanlage, befindet sich eine kleine Sitzecke, in der man im Sommer in der Sonne auf die Reinigung seines Fahrzeugs warten kann. Von dort aus öffnet sich der Blick auf eine weite Wiese, die mal einer Schafherde als Weidegrund diente, dann wieder einen beträchtlich großen Schwarm Elstern beheimatete und in der Hitze des Juli auch von einem getreuen Pferdepaar zum Grasen auserwählt wurde. Vom Moment an, da ich das Paar zum ersten Mal erblickte, konnte ich die Augen nicht mehr von ihm lassen. Ich wußte nicht, was genau es war, das mich so faszinierte, machte aber innerhalb kürzester Zeit mit meinem iPhone so viele Aufnahmen, dass die schönsten Ausschnitte und Posen der eigentlich hintereinander, genauer gesagt nur einen Pferdekopf lang nebeneinander stehenden Tiere aus lauter Begeisterung mit dem wischenden Finger ins Videoformat verrutschten. Was man in der Abfolge der Bilder sieht, ist das Hin- und Herwedeln der Schweife, das Auf und Ab der Köpfe, die teils am Gras und teils am Fell des anderen knabberten und so ein bewegliches Stilleben der Eintracht und Symbiose darstellten. Das Motiv, das daraus entstand, verschränkt den braunen Hengst mit der beigen Stute zur Metapher einer Innigkeit, die selbstvergessen einfach nur die Anwesenheit des Anderen wohlwollend registriert und so ein rares Glück des Daseins zu bedeuten scheint. Wunschloses Glück, sozusagen, oder das Glück der Wunschlosigkeit, an keinem anderen Ort mit niemandem sonst sein zu wollen. Handkes Versuch über den geglückten Tag beschreibt in selten schöner Sprache die "Line of Beauty and Grace" aus einem Selbstportrait des Malers William Hogarth mit seinem Mops, die Peter Handke während des Durchfahrens einer Kurve mit einem Pariser Vorortzug bei Suresnes wiederzuerkennen glaubt. "An dem geglückten Tag werde ich rein sein Medium gewesen sein, mich von der Sonne habe bescheinen, vom Wind anwehen, vom Regen anregnen lassen, mein Zeitwort wird 'gewährenlassen' gewesen sein." Was bei Hölderlin im Gedicht An die Parzen noch im Satz "Einmal lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht" zusammengefasst ist, der den Sommer und den Herbst des reifen Gesanges am Ende beschließt, wenn ihm das "Heilige, das am Herzen mir liegt, das Gedicht, gelungen" ist, also die Sehnsucht sich im geglückten Werk manifestiert und erfüllt hat, wird bei Handke zur beruhigenden Utopie einer sich selbst erzählenden Welt, die prinzipiell des Autors nicht mehr bedarf. Er wird zum Medium der Betrachtung einer Schöpfung, die sich als Narrativ ihre eigenen Schönheit verwirklicht. Die Pferde auf der Wiese sind für mich seit jenem Julimorgen die perfekte Entsprechung dieser Idee.

Montag, 11. Januar 2016

In meinen Gedanken heute, unentwegt

Philosophieren heißt sterben lernen, so hat es einmal Michel de Montaigne formuliert. Und gleich dazu, in seinen immer wieder bereichernd zu lesenden Essais, eine Empfehlung dazu gegeben, wie das im Alltag zu verstehen ist: "Berauben wir den Tod zunächst seiner stärksten Trumpfkarte, die er gegen uns in Händen hält, und schlagen wir dazu einen völlig anderen als den üblichen Weg ein: Berauben wir ihn seiner Unheimlichkeit, pflegen wir Umgang mit ihm, gewöhnen wir uns an ihn, bedenken wir nichts so oft wie ihn! Stellen wir ihn jeden Augenblick und in jeder Gestalt vor unser inneres Auge." Es muss als Akt ausserordentlicher Willenskraft und Haltungsstärke gewertet werden, wenn ein Mensch mit der Diagnose einer tödlichen Krankheit, also im Angesicht seines ausweglosen Endes, nicht aufgibt oder in Selbstmitleid verfällt, sondern vielmehr den Tod umarmt und ihm im gleichen Moment hohnlacht, indem er mit einem letzten vollendeten Kunstwerk seine Ankunft in eine Feier des Lebens verwandelt, die erst im Nachhinein als Epitaph an sich selbst verstanden werden kann. Natürlich geht es um David Bowie und sein letztes Album "Blackstar", dessen Titel nun, da wir wissen, dass er wusste, eine ganz besondere Bedeutung gewinnt. Nicht nur der von einer Sonnenfinsternis verdunkelte Planet wie im Video zu "Blackstar" mit der brillanten, gleichsam an die große Stummfilmzeit in Deutschland gemahnenden Idee, Knöpfe über einem Kopfverband als bizarr verfremdende Augensymbole zu verwenden. Sondern auch der Stern des Todes als Gegenbild zum nicht existierenden Paradies und der zu erwartenden Dunkelheit dort. Jemand, der sich allein im Hier und Jetzt sieht, weil er nicht an ein Jenseits glaubt und daher das lateinische Carpe Diem zum Motto seines Lebens gemacht hat, entwickelt natürlich eine ganz andere Einstellung zum Tod. “Make the best of every moment. We’re not evolving. We’re not going anywhere.” Das widerspricht nur auf den ersten Blick der Raumschiff-Welt in Bowies berühmtesten Liedern, indem es die Utopie des anderen Ortes, zu dem wir hoffnungsvoll aufbrechen, sei es der Mars oder eine unbekannte, ferne Galaxie, in Abrede stellt. Vielmehr macht das Zitat umso deutlicher, dass Major Tom und seine anderen Helden niemals auf einem anderen Planeten waren, sondern nur völlig vereinsamt in splendid isolation ihr kaltes, einsames Leben Lichtjahre von den anderen entfernt, als Menschmeteore und Junkies auf der Erde fristeten. Das Verschweigen der Krankheit ist der Triumph seiner Haltung, auch den Abtritt von der Bühne als Souverän zu gestalten. Ein Künstler, der seinen Baudelaire gelesen hat, der in den Tagebüchern einmal den berühmten Satz schreibt: "Der Dandy muss sein ganzes Streben darauf richten, ohne Unterlass erhaben zu sein, er muss leben und schlafen vor einem Spiegel.“ Als ich vor kurzem im Frankfurter Zoom den Bowie-Verehrer Robert Forster spielen sah, musste ich an eine wunderbare Geschichte denken, die er einmal während eines Interviews erzählt hat: Als er 1981 im Zentrum von Sydneys Subkultur wohnte, dem bohemischen Darlinghurst, das er mit den Go-Betweens in einer grandiosen Hymne musikalisch verewigt hat, lief Forster eines Morgens die Victoria Street hinunter und ihm kam im noch menschenleeren Viertel wie in einem Western direkt ein Mann entgegen. Es war der Sänger Mark Hunter von der australischen Band Dragon. Und trotz aller Herrgottsfrühe: "He looked fantastic. Tall, thin black hair. Cheek burns, clean shaven. Clothes completely right. Probably only out to get milk and the paper. But he was ready. He knew. He could have gone on stage anytime. And he was teaching me a lesson: Being a rockstar is a 24 hour a day job.  No track suit, no pants or thongs. That's attitude. That's the way to carry yourself." Und das gilt selbstredend auch für Bowie, der selbst auf einem überraschend aufgenommenen Polizeifoto 1976 in Amerika so gut aussah, dass man sofort an ein verschollenes Plattencover glaubt. Godspeed, David.